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Melanie Vogltanz
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Ritus

© Melanie Vogltanz

 

 

 

Auch an diesem Morgen war die Sonne nicht aufgegangen. Die Fackeln, die ringsum im hart gefrorenen Schnee steckten und die einzige Barriere zwischen uns und der Dunkelheit darstellten, waren fast heruntergebrannt. Meine müden Augen verfolgten die hypnotischen Bewegungen der weißgewandeten Priesterin. Sie schien weder den Schmerz ihrer von Nadeln zerstochenen Fußsohlen zu spüren noch die Erschöpfung, die den Tanz der übrigen Jünger verlangsamte. Ihre Augen waren ebenso weiß wie ihr Gewand und sahen nicht mehr. Heiligkeit und Macht drangen ihr aus jeder Pore, ein Druck in der Luft wie vor einem nahenden Gewitter.

Das Schlagen der Trommeln hallte in meinem Kopf wider, begleitet vom an- und abschwellenden Gesang aus Dutzenden rauen Kellen. Synchron mit jenen uralten Klängen und mit den anderen Tänzern warfen sich meine Glieder auf und nieder.

Diesmal wird er nicht kommen, zog ein träger Gedanke durch meinen Kopf. Bald sind die Fackeln erloschen, und dann … 

Die Finsternis. Der bloße Gedanke reichte aus, mich aus dem Takt zu bringen. Meine Füße, seit Tagen dem Rhythmus der Trommeln unterworfen, strauchelten.

Ewige Nacht. Ein niemals endender Winter. Die Saat würde nicht sprießen, alle Tiere verhungern.

Und dann – wir.

Ich fiel. Ungebremst schlug mein Körper im Schnee auf. Der Boden darunter war hart gefroren und erschütterte mich bis ins Mark. Um mich herum kam Unruhe in die automatisierte Bewegung der Tänzer, Stimmen gerieten ins Stocken. Einzelne Blicke glitten über mich hinweg, doch niemand half mir auf die Beine. Es war nicht gestattet. Wenn ich mich nicht aus eigener Kraft erheben konnte, würde ich hier liegenbleiben, und im Frühling würden sie an dieser Stelle meine blanken Gebeine aus dem getauten Boden ziehen.

Falls der Frühling denn jemals zurückkehren würde.

Ich begann vorwärts zu kriechen, zog eine Spur durch den Schnee, hinaus aus dem Kreis, weg von der heiligen Frau, die nichts von alldem mitbekam. Sie würde immer weiter tanzen, bis ans Ende der Welt würde sie tanzen, wenn die Kadaver ihrer Jünger längst steifgefroren waren.

Stetig tiefer kroch ich in den Wald, fort vom Rhythmus, den Stimmen, dem Tanz, dem Licht. Um mich wurde es still. Mit letzter Kraft gelang es mir, mich auf den Rücken zu drehen. Die Kälte kroch tiefer in meine Glieder, machte sie warm und schwer.

Ich schloss die Augen und wartete auf die ewige Nacht.

Plötzlich – ein Knacken im Geäst. Das Geräusch weltenerschütternder Schritte, die den Schnee unter ihrem Gewicht zusammenpressten. Ein Lichtstrahl färbte die Dunkelheit hinter meinen Lidern rot. Ich öffnete sie, und da schob sich ein vielfach verzweigtes Geweih in mein Blickfeld, so ausladend, als würde dem Wesen der Wald selbst aus dem mächtigen Schädel wachsen.

In den Augen des Gehörten glühte die Sonne, Dampf drang aus seinen Nüstern. Er streckte die Hände nach mir aus. Ich erhob mich, und es ging ganz leicht.

Ich folgte ihm in den Wald hinein. Als ich mich umwandte, blickte ich auf meinen blaugefrorenen Körper zurück. Rundum hatten sich die ersten grünen Triebe durch die Schneedecke gekämpft.

Über unseren Köpfen brach die Sonne durchs Geäst.

 

 

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